Anderssein

Neulich erschien er in roten Schuhen.

Es lag nicht in seiner Absicht, damit aufzufallen. Er zog sich nun mal rote Schuhe an.

Sie sprachen ihn nicht darauf an. Manchmal schwiegen sie eben. Manchmal rieben sie auch sein Gesicht mit Schnee ein oder klatsch­ten seinen Kopf gegen die Türe des Klassen­zimmers.

Und neulich ragten diese roten Schuhe unter der Decke hervor, und sie passten farblich so gut zu der Pfütze da­neben.

 

Ja, es geschah "neulich". Doch eigentlich geschieht es täglich, wenn auch nicht im­mer mit so einem Ausgang: das Ablehnen Anders­denkender, das Bewerten von Menschen nach ihrer Herkunft oder Religion. Auch das Zuschlagen, weil man den anderen nicht versteht und das Fragen nicht gelernt hat, daher eher ge­wohn­heitsmäßig interpretiert "das muss falsch sein", wenn es nicht der eigenen Welt­sicht entspricht.

Die roten Schuhe stehen symbolisch für das Anderssein. Man kann rote Schuhe an­ziehen, weil man ein Recht dazu hat, rote Schuhe anzuziehen. So wie man ein Recht dazu hat, rückwärts zu laufen oder auf Händen zu gehen. So wie eine Frau einen Minirock an­ziehen darf, ohne sich unterstellen lassen zu müssen, dies käme einer erotischen Einladung gleich.

Jeder Mensch hat das Recht auf Individualität und aus diesem Recht auf In­di­vi­du­alität erwächst wiederum jedem Menschen das Recht auf Anderssein. Wes­halb hätte er also Aufmerksamkeit erregen wollen?Er erschien neulich nun mal in roten Schuhen.

 

 

 

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