Die Räuber

 

Die großen Hüte mit den Federn daran sind verschwunden und die einschüssige Pistole im Hosenbund liegt im Museum.

Sie halten keine Postkutschen mehr an und der wertvolle Schmuck in der Schatulle der Herzogin musste einem Nummernkonto auf einer Schweizer Bank weichen.

Sie ziehen sich nicht mehr in die Wälder zurück und ihre Lieder sind schon lange verstummt.

Die Räuber unserer Zeit sind anders, ganz anders.

In den Straßen triffst du sie nicht mehr an, denn sie haben sich in Palästen aus Beton und Marmor verschanzt, die du gebaut hast, die du bezahlt hast.

Sie ereilen dich in deinem Wohnzimmer, wenn du dich gemütlich zurücklehnst und auf die Fernbedienung deines Fernsehers drückst.

Sie stehlen dir deine Ruhe des nachts, wenn dich das Tackern der Stanzmaschine aus der Werkshalle noch im Schlaf verfolgt.

Sie führen den Adler in ihrem Banner als Absolutum gegen dich, reden von Freiheit und Aufschwung. Und meinen die Freiheit, dich zu knebeln und das Steigen ihrer Aktien.

Sie vermarkten, konsumieren, korrumpieren und rufen dir zu:

”Noch mehr, noch mehr!”

 Sie rauben dir dein Recht auf den natürlichen Tod und schicken dir lautlos die Strahlen ins Haus.

 

(c) rh

 

Aus: „Jenseits von Oggersheim“ Hrsg. Werkstatt Mannheim im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt.

Die Räuber Audio-Datei
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Die Räuber.mp3
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