Ich habe dich lieb

 

„Ich habe Angst, Papa,“ weint er.  Ich streichle sanft seine Wange. Stumm gebe ich ihm diese Berührung als hätte sein Satz meinen Mund vor Gram verschlossen.  Jetzt noch abbiegen, den Wagen parken.

Das große, eiserne Tor ist so absolut, so dominierend und ich halte ihn fest in meinem Arm. Haltlos schluchzen wir, seinen Kopf an meine Brust gedrückt stammele ich unter Tränen: „Ich hatte alles versucht. Ich bin so machtlos jetzt.“ – Er nickt nur und weint.  

Und so verlor ich mein Kind an diesem Tag an eine Welt hinter roten Backsteinmauern und Eisen, an eine Welt, in der Eltern nichts mehr zu sagen haben, an eine Welt, in der Eltern in die Kontaktlosigkeit verbannt sind, eine Welt, in der andere über jede Tages- und Nachtminute deines Kindes bestimmen. So spüre ich hilflos und ohnmächtig nur noch diesen Schmerz in mir, die Leere, die mir das Herz zerreißen will und doch nicht ausreicht, um mich auszuschalten.

Eines meiner Gedichte erinnere ich nachts in der Einsamkeit meiner kleinen Wohnung:

 

 

Einst wachte ich des Morgens auf,

Töpfe schlugen laut wie Glocken,

Füße tappten hin und her.

Mir war als wollt’ das Herz mir stocken:

die Brut kennt den Respekt nicht mehr!

So schrie ich auf, befahl die Stille:

merkt ihr nicht, dass ich noch schlafen will?

Verstummt sind heute all die Glocken,

einsam ist es

und so still.

 

Seit Stunden liege ich wach und denke an ihn. Nicht an den zwanzigjährigen, heranwachsenden Sohn, der Häuserwände beschmierte, in Kaufhäusern Parfum stahl, um es an einer Straßenecke zu verkaufen für den nächsten Joint oder ein wenig Speed. Nicht an den Sohn, der den Vater so oft belog, kein Versprechen einhielt und konsequent den Weg in die Gefängniszelle ging.

An mein Kind denke ich, das ich immer in mir trage an jenem Ort tief in meiner Seele, den ich nicht zu benennen vermag und der so voller Kraft ist und Geborgenheit, dass sich mein Kind dort ausruhen kann, auch wenn sich Eisentüren hinter ihm schließen, auch wenn die Verletzungen, die es mir zufügte, jetzt gerade brennend nach dieser Flüssigkeit schreien, mit der ich den Schmerz betäuben und ihm für eine Weile entfliehen könnte. Flucht, welch hässliches Wort, doch wie erleichternd für den Augenblick.

Ein vorbeihuschender Gedanke nur, nicht wert, länger als die Dauer eines aufflammenden Blitzlichtes bei mir zu verweilen.

Ruhig, ruhig mein Sohn, lege deinen Kopf auf meine Brust und schlafe. Wie sehr ich mich nach dem eigenen, verständigen Vater sehne, wie sehr nach der schützenden Mutter.

Ich möchte mich einfach nur ausruhen, nur ausruhen. Nein, keine Worte, nicht schon wieder Worte, die erklären, was ich nicht auch schon weiß, nicht wieder diese hilfsbereite Erbarmungslosigkeit.

Diese Nächte! Wenn die stummen Schreie in mir gehört werden, kann ich vielleicht endlich loslassen. Dieses zwanghafte Umklammern meiner Gedankenströme. Wie sehr ich mich aus der Einsamkeit heraus wünsche. Keine Kälte mehr, nur warmes Verlangen nach mir, nach dem einzigen Vertrauten.

Ich bin stumm. Und die Nacht schreit so laut, dass ich nicht schlafen kann.

Nur das Wissen um diese Stärke in mir und das tiefe Spüren meiner Wahrheit, lässt jede Nacht mein Herz weiter schlagen:

„Ich habe dich lieb, Kind.“

© Rolf Höge