Neue Wege zur Potenz

Und es gibt sie doch: die Handwerksfetischisten und ihre Wege zur Potenzsteigerung. Sie verfügen über Akkuschrauber, Bohrmaschinen und Hämmer aller Art, sind in der Regel männlichen Geschlechts und zwingen grundsätzlich jeden in die Diskussion über ihr wichtigstes Gesprächsthema: das Heimwerkern.

Die Creme de la Creme dieser Gattung verbringt die meiste Zeit in einem bestausgestatteten Hobby-Keller und niemand weiß so genau, was dort gehämmert, gebohrt oder geschliffen wird. Eine Feile ohne Sound käme einem Luftballon ohne Luft gleich.

Der durchschnittliche Heimwerkfetischist findet ständig etwas, was behämmert oder zersägt werden muss. Sobald er in einer Ecke der Wohnung mit seiner ohrenbetäubenden Arbeit zu Ende ist, beginnt er an einer anderen Ecke wieder vorne. Ein entspanntes Durchschreiten der Räume ist ihm nicht möglich. Argwöhnisch fällt der Blick auf den Fußboden und es hämmert die Frage in seinem Gehirn, ob und wann eben jener Fußboden vielleicht neu verlegt oder in anderer Form bearbeitet werden muss.

 

Neben Zeitgenossen mit kulturellem Interesse, wie etwa klassischer Musik oder Menschen, die der Meditationspraxis zugeneigt sind, stört der potenzgeplagte Hammerschwinger gezielt die Schichtarbeiter in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Wenn sich der Schichtarbeiter, der sich morgens um vier Uhr geräuschlos aus dem Bett quälte, gegen vierzehn Uhr auf seine Couch freut, sieht er sich spätestens um Viertel nach Zwei der scheinbar potenzverleihenden Geräuschproduktion eben jenes Handwerksfetischisten gegenüber, der aus dem Nichts heraus die Bohrmaschine anwirft, peinlichst darauf bedacht, jedes Loch einzeln in die Wand zu bohren.

 

Dabei wird die Stille zwischen den Bohrvorgängen bereits im Ansatz durch den sofortigen Einsatz eines Zimmermannshammers unterbunden.

Neuen Erkenntnissen zufolge nimmt der Handwerksfetischist geplante Heimwerkprojekte nun auch dann in Angriff, wenn der Schichtarbeiter morgens müde von der Nachtschicht heimkommt.  

„Irre, solche Menschen..“ denke ich, während die Vibrationen meiner Bohrmaschine mich orgastisch entrücken.

 

 

© Rolf Höge