Proud Mary kocht „etwas Gutes“

 

 

Du denkst an nichts Schlimmes und da steht sie

plötzlich vor dir. Nicht so wie du sie von früher erinnerst, nein, sondern mit

satten Rundungen um die Hüften, kurz geschnittenem Haar und einem breiten

Grinsen im Gesicht.

„Kennst du

mich noch?“, säuselt sie. Weshalb sollte ich sie nicht kennen. Ich hatte sie ja

angebetet, damals in der siebten Klasse. Wie sie während des

Englischunterrichts immerfort mit ihrem langen, gewellten Haar spielte, mit

ihren strahlenden Augen lachte, und wie sie durch ihre zum angehenden Weibe

erwachten Figur Signale an alle Jungs der Welt aussandte, wenn sie im Pausenhof

zu Proud Mary von Tina Turner tanzte.

„Die

Hanna!“, sage ich und reiche ihr die Hand.

Statt mir die Hand zu geben, tätschelt sie sich

leicht die Hüften.

„Ja, die Hanna“, meint sie, “und mit den Jahren bin

ich ein wenig rundlich geworden. Meine gute Küche, sagt mein Mann. Du hast dich

aber kaum verändert.“

„Och, ja“, heuchele ich Verlegenheit. “Bin auch

älter geworden. Was machst du so?“

„Verheiratet, zwei Kinder und eine Enkelin.“

„Toll.“

„Ja, toll. Die Kleine kommt jetzt schon bald in den

Kindergarten. Und du?“

„Zweimal geschieden, aber auch Kinder.“

„Musst du zahlen?“

„Nein, für die Kids nicht mehr, aber für die Ex

immer noch. Die ist krank.“

„Aha. – Na ja, melde dich doch mal. Kannst ruhig

mal vorbeikommen. Ich koche uns auch etwas Gutes. Dann lernst du auch mal

meinen Mann kennen.“

Als sie weggeht, schaue ich auf ihre Hüften, die

Beine entlang bis hinunter zu ihren dunkelblauen, flachen Schuhen, in denen

sich ihre Füße verstecken, um Schritt für Schritt vor sich hin zu tapsen. Da

ist nichts mehr von Weiblichkeit, keine Tina Turner für pubertierende Jungs. Da

schwingen keine subtilen Aufforderungen mehr mit den Hüften, da wurden die

siebziger Jahre abgeschüttelt als hätten sie nie existiert, und alle

Frauenpower verpufft in der traditionellen Mama, Hausfrau und Oma.

Ihren Mann kann ich kennen lernen, sagte sie, und

sie koche auch etwas Gutes.

‚Oh, Hanna‘, denke ich und blicke selbst an mir

herunter, ‘wann haben wir nur kochen gelernt?‘